Mit der Transsib zurück nach Europa

Wir waren ziemlich erleichtert, als wir am Tag unserer Abreise unsere Reisepässe endlich wieder in den Händen hielten. Für das Russland Visum mussten wir unsere Pässe an die Russische Botschaft in Hong Kong schicken, da die Russische Botschaft in China nur Visum für Chinesische Staatsbürger ausstellt. So waren wir in China einige Wochen ohne Pass unterwegs. Wir hatten ein Schreiben des Reisebüros, welches die Sachlage auf chinesisch erklärte, ansonsten ist reisen ohne Reispass absolut nicht zu empfehlen!
Schon seit längerem hatten wir die Idee mit der Trans-Sibirischen Eisenbahn zurück nach Europa zu reisen. Obwohl, wenn man es korrekt nimmt, war es nicht die Trans-Sibirische Strecke (Wladiwostok - Moskau), sondern die Trans-Mongolische Strecke, die uns interessierte.
Die 7'865 km lange Bahnfahrt von Peking nach Moskau unterbrachen wir mit Stopps in Ulan Bator (Mongolei) und Irkutsk/Baikalsee (Sibirien) und hängten noch einen Abschnitt bis St. Petersburg dran.
Am 10. September 2007 ging dann die Reise endlich los. Das 4er Abteil teilten wir uns mit einem Paar aus England. Wir richteten es uns gemütlich ein und versuchten alle Rucksäcke in dem kleinen Abteil irgendwie unterzubringen. Wir assen dank dem Samovar (Heisswasserkessel, teilweise noch mit Holz angefeuert) warme Nudelsuppe, von welchen wir Dutzende im Gepäck hatten, und tranken Pulverkaffee. Unsere Provodnitsa (Schaffnerin, die für einen Wagen verantwortlich war) war so unfreundlich und hässlich wie sie im Buch stand. Man wird auch immer wieder vor diesen Mannsweibern gewarnt und sollte sich möglichst gut mit ihnen stellen. An der Grenze zur Mongolei wurden die Achsen gewechselt, da in Mongolien und Russland eine breitere Fahrspur vorherrscht. Kurz nach Mitternacht waren unsere Pässe abgestempelt, die neuen "Räder" montiert und die Reise konnte weitergehen.
Nach 29 Stunden 45 Minuten resp. 1’561 km erreichten wir Ulan Bator (für dieses Ort gibt es unzählig verschiedene Schreibweisen). Da wir die ganze Reise schon im Voraus organisiert hatten, mussten wir für einmal nicht von Pontius zu Pilatus rennen und wurden pünktlich vom Fahrer am Bahnhof abgeholt. Zuerst gab es eine kleine Führung durch die Millionenstadt. Die Hauptstadt ist Dreh und Angelpunkt des mit 2 Mio Einwohnern (1.5 Einwohner pro km2) dünn besiedelten Landes. In Mongolien wird der Dalai Lama verehrt und so war es nicht erstaunlich, dass die Gandantegchenling Monastery ein typischer farbenfroher Tempel à la Nepal war. Der Sukhebatar Platz wurde von einem riesigen neuen Gebäude mit Chingis Khan Statue dominiert. Chingis Khan ist hier wirklich überall anzutreffen und der grosse Stolz der Mongolen. Vom Zaisan Hill aus hatte man einen wunderbaren Ausblick über die Stadt.
Wir freuten uns aufs Yurten Camp. Wir wurden nicht enttäuscht, denn dieses Camp war sehr ruhig und idyllisch in der Steppe gelegen. Natur pur, wann hatten wir das zum letzten Mal in Asien? Tagsüber war es sonnig und warm, nachts wurde es aber richtig kalt und wir sahen tausend Sterne am Himmel strahlen.
Am nächsten Tag stand für Chris die 1. Reitstunde auf dem Programm. In einem Land, welches gleichviel Pferde wie Menschen hat, fühlt man sich fast verpflichtet so was zu tun. Die Pferde in Mongolien sind so klein, das man nie richtig weiss, ob man auf einem Pferd oder einem Pony sitzt. Chris überstand die Reitstunde auf den störrischen Viechern irgendwie unbeschadet. Zum Glück hatten wir einen Hirten dabei, der mit dem Leitpferd voraus ritt, sonst wären wir nicht vom Fleck gekommen. Am Tag der Abreise besuchten wir noch eine Nomadenfamilie. Wir durften allerlei typischer Köstlichkeiten probieren wie getrockneter Rahm, Natur Joghurt (welches trotz unmengen von Zucker noch immer sauer war) sowie die Spezialität „Airag“ (= fermentierte Stutenmilch). Airag war nicht gerade unser Favorit und wir waren heilfroh, dass unsere Gastgeberin nicht beleidigt war als wir nach einem Sipp die Milch zurückgaben.
Bald darauf hiess es Abschied nehmen vom Pferdevolk und wir setzten uns in den Zug Richtung Sibirien.
Kurz vor der Russischen Grenze liessen sie uns 6-7 Stunden auf einem Abstellgleis warten. Nichts passierte. Kein Zug kam, keine Grenzkontrolle, nichts! Wie immer wenn der Zug steht, werden die Toiletten geschlossen und so mussten alle Passagiere des Zugs zu den Bahnhofstoiletten laufen wo natürlich schon jemand mit dem Kässeli bereitstand.
An der Russischen Grenze war viel weniger Militär stationiert gewesen, als wir angenommen hatten. Anscheinend geht man auch hier mit der Technik, denn es wachte ein riesiger, neu aussehender elektrischer Zaun. Die weitere Reise bis Irkutsk war besonders schön entlang des Goose Lake. Kurz vor Irkutsk kommen die beiden Zugstrecken zusammen und ab da bis Moskau folgten wir der Trans-Sibirischen Linienführung.
Als wir nach 35 Stunden (1’119 km) ab Ulan Bator endlich im regnerischen und kalten Irkutsk ankamen, fuhren wir raus in eine kleine Siedlung am Baikalsee. Der See verfügt über extrem klares und kaltes Wasser. Der Baikalsee ist nicht nur wunderschön gelegen, sondern bietet auch allerhand an interessanten Fakten: tiefster See der Welt (1'637m), ältester See der Welt (fast 50 Mio Jahre alt), speichert 20% des Frischwasservorrats der Weltbevölkerung und könnte uns alleine noch 40 Jahre mit Wasser versorgen. Leider war uns das Wetter nicht gut gesonnen, doch so waren wir am Abend froh um die Sauna. Duschen gibt es hier nicht. Das heisst man duscht sich mit einem Eimer Wasser im Vorraum der Sauna. In Irkutsk selber gab es einige Orthodoxe Kirchen anzusehen und natürlich das Denkmal von Zar Alexander III, unter welchem der Bau der Trans-Sibirischen Eisenbahn verwirklicht wurde.
Vor der Weiterreise nach Moskau wurden unsere Vorräte nochmals richtig aufgestockt. Das Essen im Zug war ziemlich ungeniessbar und so blieben wir lieber bei der Tütensuppe. Minuspunkt an der ganzen Reise war, dass natürlich auch viele Sachen in der Nacht passiert werden. So sahen wir das typisch türkise Bahnhofsgebäude von Omsk auch nur bei Nacht. Trotzdem hatte die Stimmung kurz vor Mitternacht, doch etwas ganz eigenartiges an sich. In den Tagen bis Moskau genossen wir unser Privatabteil (Naja, wir hatten einfach Glück, dass niemand in unser Abteil gebucht wurde), lasen viel und schauten uns die langsam wechselnde Landschaft an. Wir überquerten Flüsse wie den Yenisey (5200 km lang) und Ob (4000 km lang), kamen an mystisch klingenden Städten wie Novosibirsk vorbei und kehrten nach 850 Tagen Weltreise kurz nach Ekaterinenburg auf den Europäischen Kontinent zurück. Trotzdem fühlten wir uns noch so weit weg von zu Hause!
Nach 77 h 30 min resp. 5’185 km nach Irkutsk hatten wir Moskau erreicht. Unsere Eisenbahnreise war 7’865 km lang und wir durchquerten in dieser Zeit 10 Zeitzonen. In Russland fahren alle Züge (trotz diverser Zeitzonen) nach Moskau Zeit was für uns ganz komisch war, ist für die Russen jedoch ganz normal.
In Moskau herrschte schon am Bahnhof heftiger Betrieb, welchen wir uns nach dieser langen Bahnfahrt nicht mehr gewohnt waren. Wir wurden abgeholt und man brachte uns zu unserer abbruchreifen Unterkunft. Dort liessen sie wieder unsere Pässe bei den Behörden registrieren. Als Tourist muss man sich in Russland immer wieder registrieren lassen, damit die Behörden immer genau wissen, wo man sich aufhält.
Am nächsten Morgen gingen wir auf Erkundungstour. Einmal den Fuss auf den roten Platz zu setzen, ist schon was Spezielles. Kreml, Roter Platz, St. Basil Kathedrale, Lenin Mausoleum und das G.U.M waren sehr nahe. Der tote Lenin sah eher aus wie eine Wachsfigur bei Madame Tussaud, aber was solls. Bei einem Strassenhändler feilschten wir für Matruskas. Die Anlage des Kreml umfasst viel mehr, als wir uns jemals erträumt hatten. Gestern hatten wir nur die ganze Zeit die hohe rote Mauer gesehen, aber im Innern gab es mehrere Kathedralen, das Parlamentsgebäude der ehemaligen Sowjetunion und die Grabstätten von nicht weniger als 46 Zaren. Die bekannte St. Basil Kathedrale bestand nicht aus einem einzigen Raum, sondern aus vielen kleinen verwinkelten Räumen. In der Nähe unserer Absteige war noch der 533 m hohe Ostankino Tower, welcher als Fernsehturm Ende der 60er Jahren erbaut wurde.
In Moskau war das Zusammentreffen von Reichtum und Armut offensichtlich. Vor allem auf den Parkplätzen: Lada, Luxuskarosse, Lada, Luxuskarosse.... Die Dichte von BMW X5 und Porsche Cayenne's übertrifft diejenige von Zug und Zürich bei Weitem!
Für die Weiterreise nach St. Petersburg hatten wir einen Nachtzug gebucht. Am Morgen hatten wir schon all unser Gepäck in einem Bahnhofschliessfach eingestellt, damit wir uns den ganzen Tag frei in Moskau bewegen konnten. Gegen 22 Uhr liefen wir nochmals zum Roten Platz, um die St. Basil Kathedrale bei Mondschein zu fotografieren. Kurz darauf wurden wir von einer Polizeipatrouille angehalten, welche unsere Pässe sehen wollte. Natürlich behaupteten sie, dass unsere Pässe in Moskau nicht richtig registriert worden waren. Da im Hotel niemand Englisch sprach und man in Moskau keinen Stempel von der Behörde erhält (das fanden wir leider erst später raus), waren wir unsicher, ob die Absteige die Registrierung tatsächlich vorgenommen hatte oder nicht. So blieb uns nichts anderes übrig als zum Polizeiposten zu gehen, wo sie uns mindestens 3 Stunden festgehalten hätten oder Schmiergeld zu bezahlen... Die Zugtickets waren einiges teurer als das Schmiergeld und so bezahlten wir. Dumm gelaufen, hätten sie uns am Nachmittag kontrolliert, hätten wir die pseudo Verhaftung auf uns genommen. Es stellte sich später heraus, dass die Registrierung korrekt war und wir nichts zu befürchten gehabt hätten...
Nach dem Stress in Moskau waren wir erst mal froh heil in St. Petersburg angekommen zu sein. Die Stadt gefiel uns ebenfalls sehr gut. Neben dem eindrucksvollen Hermitage Museum, mit einer Unmenge von Kunstwerken, war die Kirche des blutenden Erlösers (ähnlich der St. Basil Kathedrale in Moskau) ein Highlight. Nicht zu vergessen gilt es den Peterhof, welcher als Sommerresidenz von Zar Peter diente. Das Schloss und die Parkanlage mit den wunderschönen Wasserspielen konnte man fast mit Versailles vergleichen. Wir wohnten in einem Appartement nahe dem Zentrum. Eigentlich hiess es, wir seien bei einer Familie untergebracht, doch die war nirgends aufzufinden und so hatten wir die Bude für uns alleine. Tja, so hatten wir unsere Ruhe und die meiste Zeit waren wir ja sowieso unterwegs. Zu guter letzt noch ein Wort zu den Rolltreppen der Metrostationen. Diese sind nämlich unglaublich steil und unendlich lang (mehr als 1 Minute). Wahnsinn!

 

Facts and Figures:

Strecke in groben Zügen: Peking – Ulan Bator – Irkutsk (Baikalsee)– Novosibirsk – Omsk – Ekaterinenburg – Moskau –St. Petersburg

 

Zurückgelegte Kilometer: 8‘515 km

 

Wetter: meistens schönes Wetter


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